Die Weiterbildungs- und Coaching-Industrie boomt. Doch hinter dem scheinbaren Aufbruch zu mehr Achtsamkeit, Agilität und persönlicher Entwicklung verbirgt sich oft wenig mehr als ein geschicktes Geschäftsmodell. Unternehmen und Mitarbeiter werden unablässig zu neuen Seminaren, Kursen und Workshops eingeladen. Ziel ist angeblich, die eigene Leistung zu steigern, den Arbeitsplatz sinnvoller und die persönliche Entwicklung zu fördern. Doch in Wirklichkeit hat dieses Angebotsfeuerwerk häufig wenig mit echter Weiterbildung zu tun.
Viele der aktuellen Trends – von „Achtsamkeit im Büro“ über „Agiles Mindset“ bis hin zu „Resilienzsteigerung“ – wirken wie modische Schlagwörter, die zu immer neuen Bildungsprodukten führen. Dennoch handelt es sich dabei meist um oberflächliche Inhalte, die wenig in der Realität der Arbeitswelt verankert sind. Diese Programme dienen nicht primär dem Lernen, sondern dem Auffüllen leerer Budgetposten in Abteilungen für Personalentwicklung. Somit entstehen Seminare, die vor allem Zeit und Geld verbrauchen, ohne nachhaltige Verbesserungen zu bewirken.
Echte Weiterbildung erfolgt nicht in öklen Seminar- oder Konferenzräumen mit PowerPoint-Präsentationen und Gruppendiskussionen, sondern „on the job“ – direkt am Arbeitsplatz. Lernen bedeutet hier praktische Erfahrung sammeln, Probleme lösen und Herausforderungen bewältigen. Nur so können Mitarbeiter ihre Kompetenzen wirklich ausbauen und unmittelbar in der Arbeitswelt anwenden. Abstrakte Modelle und Standardformate bringen hier keine echten Fortschritte.
Die verbreitete Fixierung auf externe Weiterbildungsmaterialien und Coachings führt nicht nur zu Ressourcenverschwendung, sondern erzeugt auch eine trügerische Erwartungshaltung. Mitarbeiter werden daran gewöhnt, dass Verbesserung immer von außen kommen muss – durch Experten, Trainer oder Berater. Dieses Denken vermittelt eine passive Rolle beim eigenen Lernen, die das Engagement und die Eigenverantwortung untergräbt. Nachhaltige Entwicklung entsteht jedoch nur durch kontinuierliches selbstbestimmtes Lernen im Alltag.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Fülle aktueller Weiterbildungsangebote ist nicht die Antwort auf die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt. Stattdessen sollten Unternehmen die Voraussetzungen schaffen, damit Lernen direkt Arbeit ergänzt und integriert. Das bedeutet: Raum und Zeit für Übung, Fehler und Reflexion im realen Arbeitskontext anbieten. Maßnahmen wie Job-Rotation, projektbasiertes Arbeiten oder Mentoring leisten hier mehr als jedes Seminar.
Die Coaching-Industrie muss ihre Angebote kritisch hinterfragen und vom modischen Hype Abstand nehmen. Mitarbeiter benötigen keine permanente „Optimierung“ durch externe Veranstaltungen, sondern echte Entwicklungschancen durch tägliches Lernen im eigenen Verantwortungsbereich. Unternehmen profitieren langfristig, wenn Weiterbildung als integraler Bestandteil der Arbeit verstanden wird, nicht als Zusatzprogramm zum Abhaken.
